Oscar, mein bester Freund. Er kennt mich seit meinen ersten Schritten als Kleinkind. So vieles haben wir gemeinsam erlebt. Er war auch jener, der mich nach meinem ersten Besäufnis nach Hause getragen hat und am nächsten Morgen vorbeigekommen ist, um nachzusehen, wie es mir geht. Aber auch mit ihm habe ich sehr lange nicht über meine zunehmende Last gesprochen. Erst dann, als ich mich für die Trennung entschieden habe. Nach meinem Vater war er der Erste, der es erfahren musste. Er unterstützt nicht jeden meiner Entscheide, aber er stützt mich bei meinen Entscheiden, er ist jederzeit für mich da. Er stellt stets Fragen, auch solche, die schmerzen — aber es sind stets die Richtigen. In solchen Momenten könnte ich ihn manchmal würgen, aber es sind eben jene Fragen, die ein bester Freund stellen soll und muss.
Heute sind wir bei einem Bierbraukurs, den wir von Vanessa geschenkt bekommen haben; einen Abend zu zweit. Auf der Bahnfahrt zum Braukeller reden wir intensiv über unsere derzeitigen Probleme respektive deren Entwicklungen in den jüngsten Wochen; zweifelhafte Zustände auf seiner Arbeit, untragbare Situation mit meinen Kindern und auch das unmögliche Verhalten meines Bruders. Meine Erzählungen wühlen mich unbemerkt auf und zeigen meinem Unterbewusstsein mal wieder, in welchem Tal ich mich befinde. Dies noch unbemerkt, tauchen wir in die Kunst des Bierbrauens ab. Wir lernen, welche Wichtigkeit die Qualität des Malzschrots, der Bittergehalt des Hopfens und die verschiedenen Zubereitsungstemperaturen hat. Neben einem deftigen Essen werden diverse Sorten Bier in rauen Mengen degustiert. Der Nachschlag ist unbegrenzt. Bereits nach wenigen Gläsern fühle ich mich angetrunken. Heute schlägt sich der Alkohol viel heftiger nieder als an anderen Tagen. Noch während wir im Braukeller sind, der Kurs ist nach etwa zweieinhalb Stunden zu Ende, der Abend aber ist noch nicht übermässig weit fortgeschritten, spüre ich plötzlich, wie sich die bislang unbemerkte Unruhe aufdrängt. Sehr schnell gewinnt sie Überhand und steuert mein Handeln. Ich schleiche mich unbemerkt ins Freie. Ich schreibe Oscar, dass ich JETZT gehen muss. Ich schreibe Vanessa, dass es mir nicht gut geht — das habe ich ihr jüngst versprochen. Ich schreibe ihr auch, dass sie umgehend Oscar anrufen soll, um ihm meine Abwesenheit zu melden und dass er mir helfen soll. Ich weiss nicht, wohin mich mein Weg führt. Mein Ziel ist aber klar: Ich will nach Hause. Ich muss in meine vertraute Umgebung. Ich brauche unbedingt die Nähe zu meinen Katzen. Sie werden mir helfen, zur Ruhe zu finden. Ich halte irgendwo bei einem Handlauf inne. Ich beuge mich darüber und weine. Ich möchte nach Hause. Der Weg dorthin erscheint mir aber beinahe unüberwindbar. Plötzlich spüre ich eine Hand auf meiner Schulter und Oscar sagt: „Komm, Junge, ich bringe dich nach Hause.“ Er legt seinen schützenden Arm um mich, den ich im Moment dringend nötig habe. Er führt mich zur nahe gelegenen Bushaltestelle. Dort angekommen, musste ich mich mehrfach übergeben. Die Biermenge hat mir wohl doch ziemlich zugesetzt. Oscar brummte: „Früher hast du mindestens das Doppelte weggesteckt. Ach du Scheisse, du bist total am Ende. Tut mir leid mein Freund.“ Er packt mich sanft am Kragen und bewegt mich, weiterzulaufen. Er denkt wohl, dass der Weg zum Bahnhof besser zu Fuss zurückgelegt werden soll. Wie recht er hat. Laufen tut gut. Nach einigen Minuten hält er ein Taxi an, das uns die letzten Gehminuten erspart. In der Bahn haben wir ein Abteil für uns. Ich schlafe an seiner Schulter ein. Immer wieder aber überkommt es mich, ich fahre aus dem Schlaf und eile zum Eimer. Der leere Magen bringt nichts mehr hoch. Es scheint, als kotze ich die ganze Dunkelheit aus mir hinaus. Es schmerzt sehr, aber es tut auch gut. Noch in der Bahn trennen sich unsere Wege. Denn meine letzte Etappe bestreite ich alleine. Ich verspreche ihm, auf direktem Weg nach Haus zu gehen und mich dann zu melden. Noch immer möchte auch ich absolut nur das. Wir verabschieden uns. Ich bedanke mich bei ihm. Er sagt mir: „Du steckts absolut in der Scheisse. So geht das nicht weiter. Das müssen wir ändern.“
Danke mein Freund!