Ein weiterer Zusammenbruch

Ein wunderbarer Tag, den ich mit meinem Vater in den Bergen verbringen durfte, neigt sich langsam dem Ende zu. Nach einer innigen Umarmung sagen wir uns „Tschüss, danke und bis bald.“ und ich trete torkelnd meine Rückreise an. Angetrunken sinniere ich vor mich hin und schmunzle immer mal wieder über die eine oder andere Szene des vergangenen Tages. Nach etwa einer vollen Uhrzeiger-Umdrehung finde ich mich zuhause wieder, lege meinen kleinen Rucksack ab und freue mich, noch eine Kleinigkeit zu essen. Zuerst aber lege ich mich für einige Minuten auf die Couch, um mal die Beine zu entlasten und den Moment zu geniessen. Das aber halte ich nicht lange aus. Unruhe treibt mich um. Ich stehe auf, muss flüchten. Es beginnt wieder zu schmerzen. Ich gehe ins Zimmer unseres Pflegekaters. Er soll mir helfen. Er war stets auf der Flucht. Nun ist er ‚eingesperrt‘, wie auch mich meine Gedanken einsperren. Sie umzingeln mich. Ich lege mich auf den Boden und hoffe, der Kater schmeichelt um mich herum, um meine Gedanken zu durchbrechen. Das Gegenteil passiert. Ich falle aus dem Hier und Jetzt. Tausende von Bildern meiner Kinder bekriegen sich und kämpfen um Aufmerksamkeit. Mit der unendlichen Bildermenge kann ich nicht mehr umgehen. Mein Kopf wird demnächst zerbersten. „Liebling, was ist mit dir?“ durchbricht den Bilderkrieg. Vanessa setzt sich auf mich und umhüllt mich wie ein schützender Mantel. Sie spricht ruhig und leise auf mich ein und trocknet jede meiner Tränen gekonnt. Plötzlich kommen die Bilder wieder. Sie kochen sich gegenseitig wieder hoch und kämpfen um meine Aufmerksamkeit, die sie unweigerlich kriegen, da ich ihnen verfallen bin. Ich vermisse meine Kinder! Ich weine und schreie! Ich beschimpfe meine Retterin und sage ihr, sie solle mich alleine lassen, obwohl ich weiss, ich brauche sie genau in diesem Moment. Sie hört meinen unausgesprochenen Hilfeschrei. „Sch… Ruhig… Ich bin da…“ Vanessa kniet noch immer über mir und umhüllt mich. Sie versucht, mit mir zu sprechen. Ich gebe irgendwelche Antworten, an die ich mich nie wieder erinnern kann. Denn ich bin am Ende. Wie erreiche ich meine Kinder wieder? Wie sehen sie aus? Wie lachen sie? Wie weinen sie? Diese Bilder erringen erneut vollste Aufmerksamkeit. Ich wälze mich. Ich verkrampfe mich bis in die kleinste Zehe. Jedes Haar an meinem Körper krümmt sich vor Anspannung. „Lass mich gehen!“ schreie ich Vanessa an. Sie lässt es nicht zu. Sie ermuntert mich zu weinen. Erneut fliessen Tränen, viele Tränen. Vanessa beginnt leise zu singen. Sie streicht mir sanft über den Kopf. Meine stoppeligen Kopfhaare lassen ihre Hand holpern. Es scheint, als ‚erwache‘ ich langsam wieder. Doch die Schlacht in meinem Kopf möchte noch nicht vorbei sein. Bilder drängen sich wieder in den Vordergrund. Ich verdränge sie, möchte sie aber auch irgendwie zulassen. Ich sage Vanessa, dass ich frische Luft brauche und mich in den Garten legen möchte. Sie vertraut mir und lässt mich, mit einem sichtlich schlechten Gefühl, gehen. Sie wirft mir noch nach, dass sie umgehend nachkommt. Nur der kurze Gang aufs Klo läge dazwischen. Ich liege im Gras und sehe zu meinen verstorbenen Liebsten in den Himmel. Ich frage sie, ‚wo‘ ich meine Kinder finde und was ich tun soll, um sie wieder in meiner Nähe zu haben. Ein süsses Lachen von Ariana löst ein ‚high five‘ mit der Kleinen ab; die Bilder sind wieder da. Meine Finger graben sich in die von der Sonne ausgetrocknete Erde. Es soll schmerzen, um die Gedanken zu ‚besiegen‘. Das eingesetzte Schluchzen weicht schon bald weiteren Tränen und ersten Schreien. Vanessa eilt wieder herbei. Nur einzelne Minuten mussten vergangen sein, die sich wie Stunden anfühlen. Tausende Bilder haben sich wieder abgewechselt und Hoffnungslosigkeit schlägt sich breit. Vanessa setzt sich wieder auf mich, lässt aber meinen Blick zum Himmel zu. Sie weiss, das bedeutet mir viel und könnte mich zur Ruhe bringen. Sie setzt mir ihre eine Hand auf die Wange, die andere streicht mir übers Haar. Vanessa beginnt zu sprechen. Bild folgt auf Bild, ohne Unterbruch und ohne Rücksicht. Jedes Bild sticht in mein Herz. Eine weitere Hand beginnt mich zu streicheln. Vanessas Schwester, die mit ihrem Baby bei uns übernachtet, setzte sich offensichtlich zu uns ins Gras und schenkt mir ihre Zuneigung. Ich schaffe es, Vanessas Worten teilweise zu folgen. „…und ging auf den König mit dem weissen und dem schwarzen Ohr zu.“ steuert meine Aufmerksamkeit immer wieder von den Bildern weg. Ihre weiche Stimme dringt mehr und mehr in meine Gedanken ein. Ich spüre, wie sich allmählich Erschöpfung breit macht. Ich beginne wieder zu weinen. Nun aber ist es eine Mischung aus Trauer, Erschöpfung und Dankbarkeit, dass Vanessa bei mir ist und mich auffängt. „Danke Liebling.“ denke ich, da ich keine Kraft mehr habe, dies auszusprechen. Ich mich kraftlos und erschöpft. Die Zuversicht schwindet.

Hinterlasse einen Kommentar