Weinen gilt gemeinhin als Stärke. Tränen kullern über die Wangen, meist begleitet von mehr oder weniger ausdrucksstarkem Schluchzen. Weinen bringt Gefühle an die Oberfläche. Gefühle werden sichtbar. Jeder und jedem ist klar, weint jemand, geht es ihm nicht gut; abgesehen von Tränen der Freude. Weinen ist das unmittelbare Symptom von Schmerz…
Schmerzen, die auf meinen Gefühlen gründen, überkommen mich immer wieder und immer häufiger. An Abenden, an denen Shauna ihren Hobbies nachgeht, gehe ich alleine zu Bett. Sobald ich liege, spüre ich, wie mein Inneres zu explodieren wagt. Ich kann es nicht genau beschreiben, aber es fühlt sich an, als ob mehrere Menschen ihre Hände in mir haben und auf alle erdenklichen Seiten kräftig ziehen. Der Schlaf, den ich zu meinem guten Glück meist finde, hält stets als Pause hin. Doch mehr und mehr geht es am nächsten Morgen beinahe nahtlos weiter. In aller Früh fahre ich zur Arbeit. In der Bahn überkommen mich bereits wieder die Gedanken vom Vorabend. Ich frage mich dann stets, was ich wohl falsch mache? Das Karussell im Kopf dreht schon wieder. Ich schaffe es nur ganz selten, meine Gedanken woanders hin zu lenken. Am Arbeitsplatz angekommen rede ich mir ein: „Du hast zwei wunderbare Kinder, bist Teil einer funktionierenden Familie, wohnst in einem Haus und darfst einer tollen Arbeit nachgehen. Los jetzt, ab an die Arbeit!“ Ich schleppe mich durch den Arbeitstag. Der bringt zum Glück weitgehende Ablenkung, die ich (dankend) annehme.
Heute begleite ich mal wieder Ariana zum Sportunterricht im Stadtzentrum. Ich mache das mehrmals die Woche und mag die Zeit mit ihr alleine. Ich fühle mich dabei leicht und erfüllt. Heute aber ist es anders. Irgendetwas in meinem Bauch drückt, stampft, zerrt und pocht ununterbrochen. Ich lasse mir nichts anmerken. Sobald Ariana in der Sportstätte verschwindet, wird mir übel. Ich spüre, wie mir schwindlig wird und ich schleunigst weg muss. Aber wohin bloss? Keine Ahnung, einfach weg! Ich schwanke um die nächsten Hausecken. Ich halte einen kurzen Moment inne und beschliesse, zur Uferpromenade zu gehen. Dort angekommen setze ich mich und drücke mir auf den Bauch. Ich drücke so arg, dass mir beinahe die Galle hochkommt. „Ich muss klar denken!“, rufe ich in mir. Was ist los? Wieso schlägt es mir so arg auf den Magen? Warum jetzt? Ich versuche, in mich hineinzuhören. Was passiert da gerade? Was sagt mir mein Inneres? Warum fühle ich, unmittelbar zu zerbersten? Was genau zerrt in mir? Welche Kräfte wirken? Ich habe das Gefühl, allem nicht mehr gerecht zu werden! Allem; nicht mal mir selber!! Ich halte es nicht mehr aus!!!
Ich stehe auf und beginne zu gehen. Eine scheinbar unsichtbare Hand führt mich um die nächsten Häuserblocks. Geistesabwesend steuert meine Gegenwart den nahe gelegenen Bahnhof an. Dabei geht mir nichts mehr durch den Kopf, ich scheine, gedankenlos zu sein. Mein Schritt ist schnell, ich fühle mich aber träge, weit weg von mir, am Ende. Ich nehme nichts wahr rund um mich. Unbemerkt lasse ich die Unterführung hinter mir. Oben an der Treppe angekommen verlangsamt sich mein Schritt. Das Dunkle des Tunnelportals der einfahrenden Züge ist das Ende, mein Ausweg. …mein Neuanfang? Ich halte einen Moment Inne… Ich kann nicht mehr!!!
„Silvana lächelt mir zu. Ariana gibt mir die Hand. Sie umarmen mich.“ — Kopfkino. Tränen schiessen mir in die Augen. Tränen? Bei mir? Das kenne ich kaum. Was passiert eben mit mir? Der nächste Zug bricht die Dunkelheit des Tunnelportals und brettert heran. Er quietscht an mir vorbei. Ich wende mich vom Quietschen ab. Ich drehe mich um. Dann folge ich in Geistesabwesenheit den Bildern im Kopf. Es scheint, als halten Ariana und Silvana mich auf beiden Seiten an der Hand. Sie führen mich zurück zur Treppe, zurück zur Uferpromenade, zurück an den Platz von vorhin.
Ich weine noch immer. Es muss sich etwas gelöst haben, ansonsten würde ich nicht weinen. Aber was? „Ich kann nicht mehr.“, das war der Auslöser! „Ich kann nicht mehr.“ Aber was soll dies bedeuten? Was kann ich nicht mehr? Den ersten klaren Gedanken, den ich festhalten kann, ist die Beziehung zu meiner Ehefrau, zu Shauna. Ich arbeite Vollzeit. Ich kümmere mich oft um die Kinder. Ich mache viel im Haushalt. Gemeinsam sprechen wir oft über Träume, nur selten über die Realitäten. Mehr und mehr solche Gedanken reihen sich nahtlos und endlos aneinander. Diese Gedankenkette wird länger und schwerer. Sie haftet und lastet an mir. Sie wird immer schwerer; sie wird untragbar. Ich kann nicht mehr. Da muss ich raus!
Die Uhr am Handgelenk alarmiert mich. Ich muss los, um nicht zu spät bei der Sportstätte zu erscheinen…